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Die Fackeln des Glaubens

Mirah Rehmond
01. Mai 2021 20:14
Das Wetter war wechselhaft in diesem Monat, der sich bereits als der vierte in diesem Jahr bewies. Und so war es eine glückliche Fügung, dass zumindest in dieser Nacht der Wind die grauen Wolken des Tages zur Nacht fortgetrieben hatte und Mirah somit nicht in gar vollkommener Schwärze und Dunkelheit harren musste. In der Kapelle des Ordens des Agharam brannte kein Licht, keine ewig lodernde Flamme, die dem vergänglichen Ende trotzte und die Finsternis der Nachtstunden in die hintersten Winkel verwies.

Es war allein das Mondlicht, das diffus durch die mannshohen Fenster brach und in seinem kühlen, schwachen Schein die Konturen und Formen der Kapelleneinrichtung abzeichnete. Und so saß die junge Frau, die ein anderer auch gut noch als Mädchen neckisch betitelt hätte, auf der Bank und betrachtete abwesend die Statue. Der Blick ihrer hellbraunen, groß gezeichneten Augen, barg einen Reichtum an Gedanken, getrübt jedoch durch die Barriere der verschlossenen Trauer und ernster Nachdenklichkeit. Zu viel der grollenden, müden Trauer, als dass da noch Leichtigkeit wäre. Die Statue des Agharam war wie vieles seiner Bildnisse gestaltet. Aufrecht, überragend, in stolzer Wehr und mit symbolisch vor sich getragenem Schwert. Das steinerne Gesicht hinter einem Helm verborgen. Doch nicht um sich zu verstecken, sondern dem Betrachter die Möglichkeit zu geben sein eigenes Anlitzt in ihm zu sehen. Mirah sah nicht sich. Sie sah Galvan von Eberswald. Den Ordensritter, den sie im Vorletzten Jahr der kalten Erde übergeben hatten, damit seine Leiche nicht von den Wildtieren gefressen und seine Knochen nicht in sämtliche Richtungen getragen und im Unterholz verteilt würden. Vielleicht haben sie ihn dennoch ausgescharrt – überlegte sie in einem monotonen Gedankengang. Ohne Aufregung. Aber die Erde war im Winter hart gewesen, tiefer konnten sie nicht graben. Die Hände bluteten bereits. Und sie konnten ihn nicht tragen, waren sie doch nur halbgare Jugendliche gewesen, angeschlagen von Hunger, Angst und Kälte, von alten Wunden in Fleisch und Seele.
Sein Weg war in einem Wald in Britain zum Halt gekommen, doch Mirah brachte ihn vor wenigen Tage für den Ordensritter zu ende. Sie musste ein weiteres Jahr dafür wandern. Einen weiteren Winter überleben. Manchmal allein, manchmal mit anderen. Bis über die Grenze dieses halb verwaisten Königreiches.

Galvan von Eberswalds Aufgabe war es gewesen, so hatte er mit Überzeugung gesprochen, mehr Fackeln des Glaubens dorthin zu tragen, wo sie gebraucht würden, wo die Dunkelheit sich am höchsten türmt. Deshalb war er von Trinsic hoch in den Norden aufgebrochen.
Mirah hatte nun seinen Ring als Zeichen seines hehren, hoffnungsvollen Vorhabens nach Cove gebracht.

Jetzt saß sie hier in der Nacht in der Kapelle des Ewiglich Ritterlichen, knetete zwischen ihren wunden Fingern den leeren Lederbeutel, der einst so viele Monate den Siegelring des Ritters in sich getragen hatte, und wusste nicht mehr was ihre Aufgabe war, wo die letzte loyal und treu erfüllt wurde.
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Die Fackeln des Glaubens

Mirah Rehmond27401. Mai 2021 20:14

Re: Die Fackeln des Glaubens

Mirah Rehmond14204. Mai 2021 20:09



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