Es war großzügig von den Mitgliedern des Ordens des Agharam, dass sie ihr eine Unterkunft in Cove versichert hatten. Einige Tage nun nächtigte sie unter dem Dach der Taverne, in einer schmalen, kleinen Kammer, und durfte eine mit Stroh gefüllte Matratze und eine kratzige, wollende Decke ihr Lager nennen. Unter der Schräge war nicht viel Platz und in einer Ecke tropfte das Wasser durch die Ritzen, aber es war ordentlich und sie musste die Nische mit niemanden teilen. Darauf hatten Walther von Auen und Hochwürden Xaeron mit der Weisheit und Erfahrung ihrer durchlebten Tage geachtet - zumindest ging die Vagabundin davon aus. Sie wussten vermutlich schon länger, was Mirah mit der Flucht aus ihrem Zuhause neu erfahren musste: Es war als junge Frau nicht sicher, vor allem dann nicht, wenn die Dunkelheit nahte.
Sie schienen einiges zu wissen, was keiner großen Ausführungen bedurfte, und doch von weitgreifenden Verständnis zeugte. Sie ahnten von ihrer Müdigkeit und Erschöpfung und erwarteten daher nicht, sie am Folgetag anzutreffen. Die junge Eichensteinerin hätte, wären es andere Männer gewesen, geprahlt, dass sie schon vor dem Grauen wieder auf den Beinen wäre. Denn so war es gewesen, als sie noch ein Ziel vorantrieb und die Schutzlosigkeit eine lange Rast nicht verantworten konnte. Doch Walther hatte recht. Mirah hatte die erste Übernachtung um einen ganzen vollen Tag und eine weitere halbe Nacht verlängert, ehe sie wieder zu Bewusstsein fand. Bleiern schwer die Glieder, trocken die Kehle und leise das Herz. Ohne den Siegelring fühlte sie sich plötzlich allein, als hätte sie ihren Wegbegleiter und nicht nur ein Schmuckstück über einen befleckten Tavernentisch hinweg in andere Hände abgegeben. Nun war sie wieder eine Waise der großen Seuche. In einem fremden Königreich. Wie die letzten Jahre einfach alles fremd war.
Die Müdigkeit ließ sie mit dem Fortschreiten der Woche los und die vom Orden Speisen und Getränke kräftigten sie zusehends. Auch das Bad, das sie sich im Zuber genehmigen durfte, wusch den Staub und Dreck von ihrer Haut, dem Schmodder aus ihren Haaren und löste die Krusten unter ihren Fingernägeln. Sie sah nicht mehr ganz so verwildert aus, wie am Tage ihrer Ankunft. Ein Vorteil, denn wieder als genehmer Mensch erkennbar bezahlten sie die Händler des Cover Feinkostladens dafür die Seuchenratten in ihrem Lager zu jagen und von der Straße fernzuhalten. Ein paar Münzen, die ausreichten sich einen gebrauchten, unangepassten aber weniger ranzigen Lederwams zu leisten. Ein schartiges, altes Schwert war ein Geschenk von Sophie gewesen, damit Mirah den Ratten ordentlich den Kopf mit den garstigen, bösen Knopfaugen abschlagen konnte.
Für einen Zeitabschnitt würde sie also eine Rattenfängerin von Cove sein.