Surië an Fear-Muinthil – Suche nach den Elementarschwestern [IX]
Die Golodh ließ sich von den Flüstern der Elemente leiten. Naur erhellte ihren Pfad durch die Dunkelheit, Nen erneuerte ihre Kräfte, Gwilith trug sie auf den rechten Wegen, und Cae umfing sie mit stiller Ruhe. Jeder Laut, jedes leise Beben der Welt schien sie zu führen, allerdings nicht fort, sondern zurück. Als sie den letzten Schleier aus Nebel durchschritt, erkannte sie ihr Ziel – Der Galadh-Cuil, auch Baum des Lebens genannt. Dort, wo ihr Pfad vor langer Zeit begonnen hatte, wo sie zum ersten Mal das Aerlinn vernahm und den Atem der Welt gespürt hatte. Ein Gefühl von Staunen und Ehrfurcht durchströmte die Golodh. Der Baum erhob sich in uralter Pracht, seine Wurzeln leuchteten wie Flüsse aus Licht und in ihrer Tiefe pulsierte etwas, das älter war als Erinnerung.
Sie gemessenen Schrittes näher an den Galadh Cuil heran und nahm dann eine Hocke ein. Noch kurz verharrte die Golodh, ehe sie ihre Opfergabe zwischen den Wurzeln des mächtigen Baumes bettete – Das Zwielichtsjuwel, jenes Relikt, dass die Faer-Muinthil in ihre Obhut übergaben.
Das Licht des mystischen Edelsteins drang in das Holz, breitete sich aus wie ein lebendiger Strom. Ein tiefes Grollen ging durch die Erde, und der Galadh-Cuil antwortete. Rinde und Wurzeln wichen zurück, und in der Tiefe öffnete sich ein geheimer Pfad, hinab zu einem Ort, der nicht von dieser Welt war. Die Golodh spürte, dass dies keine gewöhnliche Prüfung war.
Etwas wartete unter dem Baum, etwas, das selbst die Faer-Muinthil mit Schweigen bedeckt hielten. Nur sie wussten, was die Idhren dort wirklich erwartete, denn tief unter diesem Ort, jenseits der bekannten Ströme, ruhte ein Geheimnis, dass seit Äonen verborgen war.
Die Golodh fühlte sich zu diesem gerufen – Nicht von Angst, sondern von einer Sehnsucht, die sie nicht benennen konnte. Schließlich begann ihr letzter Weg ins Ungewisse hinab.
Der Pfad unter dem Baum war kein Tunnel aus Erde. Er war wie ein gewundener Traum aus Wurzel- und Lichtadern, pulsierend wie die eines lebendigen Wesens. Schimmernde Tropfen hingen in der Luft. Sie waren kein Wasser, sondern reine Essenz, Erinnerungen der Welt in flüssiger Form. In jeder Spiegelung erkannte die Golodh Fragmente vergangener Zeitalter – Die Geburt der Flammen, das Singen der ersten Winde, den Aufstieg der Ströme, die Schöpfung der Elemente.
Mit jedem Schritt wurde es stiller. Nicht leer, sondern erfüllt von einer Gegenwart, so tief, dass sie das Atmen vergaß. Der Boden war warm wie Herzschlag, die Luft schmeckte nach Regen und Asche zugleich. Plötzlich begriff sie, dass ihr Pfad nicht nicht unter dem Baum verlief, sondern durch ihn hindurchführte.
Die Wände um sie herum begannen zu glimmen – Runen, älter als Sprache, leuchteten auf.
Ein Flüstern hallte darin, zart wie das Rauschen eines Flusses, und sie erkannte vernahm ein ätherisches Wispern
“Ethuil linna, gaer aníron. Cuil ar Meth, gwend nín an ngurth.”
(„Im Frühling singe ich, im Meer verlange ich. Leben und Tod – mein Bund zum Herzen.“)
Ein Riss aus silbernen Licht tat sich vor ihr auf. Es handelte sich nicht um ein Portal, sondern einen Übergang, als würde die Welt selbst kurz den Atem anhalten, um sie hindurchzulassen – Die Golodh trat mit schicksalsergebener Haltung ein.
Sie drang vor in eine Weite aus glimmendem Nebel. Der Boden bestand aus durchscheinendem Phantomkristall, durchzogen von flüssigem Licht. Über ihr schwebten Sphären – Ströme aus Naur, Nen, Gwilith und Cae, die sich in ewiger Bewegung umeinander woben. Zwischen ihnen pulsierte ein fünfter Strom, kaum sichtbar aber dennoch fühlbar - Warm, still sowie ungreifbar. Es war Lûth. Es war das, was alles verband.
Im Zentrum dieser Weite, halb von den Wurzeln des Galadh-Cuil umwunden, halb aus ihnen geboren, lag der Schrein der Quelle – Kein Bauwerk, sondern ein lebendiges Geflecht aus Stein, Moos und Wurzeln. Die Idhren blieb stehen. Die Stille war nicht leer, sondern gespannt, geladen. Ein Schauer lief über ihren Rücken – Das Gleichgewicht der Welt war gebrochen. Feuer glomm zu hell, Wasser verdampfte zu schnell, der Boden riss leicht auf, und der Wind flackerte unruhig. Es war, als würde die Quelle selbst nach ihrer Führung rufen.
Sie spürte den Blick der vier Faer-Muinthil auf sich, obwohl sie sie noch nicht sah.
Ihre Anwesenheit war wie ein unsichtbares Netz, das über allem lag. Die Golodh atmete tief ein.
Sie wusste, jeder Schritt, den sie nun machte, würde sie näher zu dem Geheimnis führen, das die Faer-Muinthil seit Äonen bewachten. Mit dem Mut der ganzen Welt in ihren Adern trat sie schließlich in den Schrein ein, bereit, das Gleichgewicht zu erkennen und die Prüfung zu beginnen.
In diesem Schrein atmeten die Elemente. Naur glomm in stillen Schalen, Nen floss in kristallenen Rillen, Gwilith tanzte zwischen den Wurzeln des Baumes und Cae vibrierte leise unter ihren Füßen – Es herrschte jedoch keine Harmonie. Naur brannte zu hell, Nen verdampfte, Cae riss auf und Gwillith flackerte unruhig.
Schließlich erschienen die vier Elementarschwestern in ihren wahren, reinen Formen.
Nydaeweth, die Flammenführerin, deren Haar wie Asche und Gold glühte.
Caderieveth, die Wellenruferin, von silbernen Tropfen umhüllt.
Sevalidith, die Windgeborene, kaum sichtbar, schimmernd wie Morgendunst.
Galealith, die Erdträgerin, schwer, uralt, fest wie der Herzstein der Welt.
Mit einem Mal erhoben alle gleichzeitig ihre Stimme. Sie vereinten sich – vier Harmonien, die wie eine Sprache klangen, älter als jedes Wort.
„Du hast uns verstanden, Silithil Nauralass. Doch erst, wenn du weißt, wem wir alle dienen, wirst du erkennen, was du bist. Leben und Vergehen – Cuil und Meth. Das Eine nährt das Andere. Du musst den Fluss selbst finden.“
Die Augen der Faer-Muinthil ruhten warm und doch prüfend auf der Golodh. Nur in Galealiths Blick lag ein Hauch von Traurigkeit, als wüsste sie, dass der Weg, den die Golodh nun gehen würde, nicht ohne Preis sein konnte.
Der erste glomm weiß-silbern, hell und klar wie Morgenlicht auf jungem Tau. Die Luft um ihn war warm, lebendig, erfüllt vom Duft nasser Erde und neuer Blätter. Das war Cuil, der Strom des Lebens, des Atems, der Schöpfung. Sein Licht war so rein, dass es kaum zu fassen war, wie der erste Gedanke einer Welt, die gerade beginnt zu träumen.
Der zweite Kreis war silber-schwarz, still, tief und kühl. Er schimmerte, als läge über ihm ein Schleier aus Sternenstaub. Das war Meth, der Strom des Endes, des Wandels, der Ruhe. Sein Glanz war kein Tod, sondern Schlaf, ein Versprechen auf Rückkehr.
Zwischen ihnen blieb der Raum leer – Ein stilles Nichts, das beide trennte. „Manche Antworten kann nur der Atem selbst finden.“ Aus der Stille heraus sprach Sevalidiths Windstimme, kaum mehr als ein Hauch, ehe sie sich wieder in Schweigen hüllte. Die vier Faer-Muinthil traten daraufhin zurück. Die Golodh stand allein zwischen Licht und Schatten, Leben und Vergehen.
Sie atmete tief, hob die Hände und begann damit Lûth zu weben. Die Elemente um sie erwachten daraufhin, als hätten sie nur auf ihren Ruf gewartet.
Die Idhren lenkte zunächst Naur in Cuil und sofort begann der Boden zu erblühen. Gräser sprossen, Blüten öffneten sich in einem Feuerregen aus Farbe. Ein goldener Schein erfüllte die Halle, und Wärme umschloss sie. Als die Idhren dieselbe Flamme in Meth lenkte, änderte sich das Bild gravierend. Die Blumen verbrannten zu Asche, aber aus dieser Asche formten sich neue Runen, sowohl glühend als auch rein. Naur verzehrte und reinigte zugleich.
Die Idhren sah zu, als die Asche nicht zu Tod wurde, sondern zu Anfang. Etwas in ihr begann zu begreifen.
Sie führte ihr Wirken mit Nen in Cuil fort. Das Moos an den Wänden begann zu sprießen,
die Rillen füllten sich mit kristallklarem Strom, die Luft duftete nach Frühling. In Meth verwandelte sich allerdings das Nen in Nebel. Es löschte die Flammen, trug die Asche davon und was zurückblieb, war Stille. Rein, unberührt, wie eine Seite vor dem ersten Wort.
Dann hob sie ihre Hand und Gwilith erhob sich. In Cuil war sie der Atem, der Leben schenkte –
die Blätter tanzten, das Licht sang. In Meth aber war es der letzte Hauch. Er nahm, was vergeht, und trug es fort, doch in seiner Spur lag kein Verlust, sondern Ruhe.
Die Idhren spührte – Jedes Ende war nur ein leiser Anfang.
Schließlich lenkte sie Cae selbst. In Cuil wuchs sie, gebar, trug Früchte, formte Körper.
In Meth nahm sie zurück, schloss, barg. Das, was sie jedoch barg, pulsierte weiter, wie etwas, das im Dunkel auf den Frühling wartet.
Das Gleichgewicht jedoch, wich von ihr. Immer wenn sie Cuil stärkte, erstarb Meth.
Wenn sie Meth ehrte, verdorrte Cuil. Als sie versuchte, beides gleich zu geben, verfingen sich die Kräfte ineinander – Ein Sturm aus widersprüchlicher Schöpfung brach los. Flammen wurden zu Eis, Wasser zu Rauch, Erde zu Staub.
Die Halle erbebte. Runen zersplitterten, Licht schwankte und der Schrein selbst begann zu stöhnen wie eine lebendige Wunde. Verzweiflung drohte die Ishren zu übermannen bis sie sich erinnerte.
„Nichts wächst, was nicht zuerst ruht. Kein Leben lebt, das nicht zuerst stirbt.“
Galealiths Worte hallten in der Idhren nach und in diesem Moment begriff sie es. Leben und Tod waren keine Gegensätze. Sie waren ein Fluss. Nicht zwei Ströme, sondern zwei Ufer desselben Stroms. Cuil gab, Meth nahm, doch beide nährten sich gegenseitig, wie Atem und Herzschlag.
Etwas begann, was keine der Schwestern je offenbart hatte – Die Erweckung des Verborgenen.
Die Kreise pulsierten gemeinsam weiß-silbern und silber-schwarz, wie Atem und Schlaf, Leben und Wandel. Zwischen ihnen flackerte der neue, dritte Schein, noch formlos, doch atmend, als würde die Welt selbst zögern, bevor sie einen neuen Pfad gebiert. Die Idhren stand im Mittelpunkt dieses Schweigens. Ihre Hände ruhten auf den vibrierenden Linien und sie fühlte, wie die Kräfte durch sie hindurchströmten. Cuil brannte wie Sonnenlicht in ihren Adern, Meth flüsterte wie Nachtwind in ihrem Herzen. Keines dieser Lichter konnte bestehen, wenn sie es nicht in sich vereinte. „Ich bin nicht Schöpfung. Ich bin nicht Ende. Ich bin das, was euch verbindet.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch, doch sie hallte in der Tiefe wie Gesang, als sie erneut ihre Kräfte fokussierte.
In diesem Augenblick verebbte das Toben der Elemente. Naur senkten sich zu ruhiger Glut, Nen floss in leisen Bögen, Gwilith und Cae atmeten im gleichen Takt. Von der Decke der Kammer schwebte langsam das zuvor dargebotene Zwielichtsjuwel langsam in Richtung der beiden Kreise herab, bis es schließlich vor den Füßen der Golodh samft auf dem Erdboden gebettet wurde. Die Faer-Muinthil beobachteten die Szenerie in ehrfürchtigem Schweigen. Zwischen den Runenkreisen lag nun ein Raum, leuchtend wie der erste Morgen, doch still wie das Ende eines Liedes. Vor ihm war das Relikt gebettet – Die Idhren wusste, was sie zutun hatte.
Sie nahm nun das Zwielichtsjuwel behutsam an sich an sich, um ihn noch einmal zu betrachten. Das Licht darin, flackerte matt, als wüsste es, dass sein letzter Dienst gekommen war. Schließlich legte die Idhren den Kristall in die Mitte zwischen Cuil und Meth, woraufhin aus dem Stein ein leiser Atem entwich, wie der Seufzer einer Seele, die heimkehrt. Als sie sich wieder aufrichtete zog sie ihr Lûth-hathol aus Sternenmetall – Ein elegantes Schwert, dass sowohl unter den Ithryn sowie den Idhrin genutzt wurde. Sie umfasste behutsam die scharfe Schneide der Klinge und schnitt sich in die Handfläche ohne weiter zögern. Ihr Blut tropfte auf den Boden, rot und warm auf dem kalten Stein. Sie lenkte einen der Tropfen in den weiß-silbernen sowie einen zweiten in den silber-schwarzen Kreis vor sich. Cuil begann zu leuchten, hell, rein, wie der Herzschlag einer Sonne. Meth antwortete mit einem tiefen, stillen Glanz, wie Mondlicht auf ruhigem Wasser.
Sie blieben trotzdem getrennt. Zwei Pulsschläge, nie synchron.
Die Golodh atmete schwer, verwahrte das Lûth-hathol wieder in seiner Scheide bevor sie sich vor dem dritten Kreis niederkniete. Nun legte sie ihre blutende Hand in die Mitte dieses leuchtenden Zwischenraum und flüsterte schließlich mit bebender Stimme
“O aer be adlant, o adlant be thaun. O galad – garth. O nedh – eneth. Gwalad – na.”
(„Aus Atem wird Strom, aus Strom wird Stille. Aus Werden – Vergehen. Aus Ende – Beginn.
Gleichgewicht – sei.“)
Da geschah es – Ein Rauschen ging durch die Tiefe, so alt, dass selbst die Steine bebten.
Die Kreise verschmolzen, nicht zu einem, sondern zu einem Gewebe aus Licht. Fäden aus Silber und Schatten webten sich ineinander, zogen sich durch Gwilith und Cae, durch Naur und Nen. Als das Licht den Schrein durchflutete, stieg plötzlich etwas empor – Nicht aus den Elementen, sondern aus dem Raum zwischen ihnen. Ein Laut, kaum hörbar, wie der erste Atemzug eines neugeborenen Sterns. Die Golodh richtete sich auf und wich zurück, doch ihr Blick blieb fest. Sie wusste, dies war keine Zerstörung – Dies war ein Erwachen.
Ein Laut – kaum hörbar, wie der erste Atemzug eines Neugeborenen – durchzuckte die Kammer.
Dann stieg Licht empor. Es floss nicht mehr, es atmete. Das Licht pulsierte - Hob und senkte sich, als wäre die Welt selbst lebendig geworden. Die Linien der Runen verschwammen, zogen sich zu einem Muster zusammen, das weder Kreis noch Form war, sondern ein Puls, ein Herzschlag, ein Lied ohne Klang. Nun löste sich aus der Mitte dieses Gewebes eine Gestalt.
Zuerst nur Schimmer, dann Silhouette, dann Sein.
Eine Frau aus Glanz und Schatten, durchzogen von silbernen Linien, die sich wie Fäden durch ihren Leib zogen – Sie wirkten fließend, atmend, unbegreiflich. Ihr Haar war aus Licht gesponnen, das sich in Dunkel verlor. Ihre Augen glichen einem Spiegel aus allen vier Elementen - Naur glühte darin, Nen plätscherte, Gwilith tanzte, Cae ruhte. In ihrem Blick lag etwas, das all dies überstieg – Verstehen.
Die Golodh wagte kaum zu atmen, wohingegen die vier Faer-Muinthil unbewegt dastanden,
ihre Gesichter still, nicht von Furcht, sondern von Ehrfurcht erfüllt.
Die Gestalt sprach und ihre Stimme klang, als würde man das erste Lied hören, das je von der Welt gesungen wurde:
„Ich bin Lysindra Ethael, die Unbenannte. Ich bin Symbol des Bandes, das Leben und Tod verbindet. Ich bin das Abbild dessen, was ihr Lûth nennt – Der fünfte Strom.“
Mit jedem Wort bebte der Schrein. Naur flackerte sanft, Nen kräuselte sich, Gwilith kreiste leise, Cae vibrierte im Gleichklang und alle vier antworteten auf ihre Stimme wie Kinder, die ihre Mutter wiedererkennen. Die Golodh blickte hinauf „Ich habe Dich nicht gerufen“, flüsterte sie etwas verzagt, doch Lysindra lächelte, mild und wissend. „Und dennoch bin ich hier, denn wer das Gleichgewicht sucht, ruft mich, ohne es zu wissen.“ Sie trat näher, ihre Schritte hinterließen keine Spuren, nur ein Flirren in der Luft.
„Cuil erschafft, Meth nimmt, doch ohne das Gewebe zwischen ihnen wäre beides bedeutungslos. Du hast mich gerufen, ohne zu wissen, dass ich bin – Nun erkenne, Du bist das Band, das verbindet.“
Die Idhren fiel auf die Knie, ihre Hand noch vom Blut des Rituals gerötet und Tränen glitzerten auf ihren Wangen – Nicht aus Schmerz, sondern aus der Erkenntnis, dass sie nicht länger Teil des Flusses war – Sie war der Fluss selbst.
Hinter ihr neigten die vier Schwestern die Häupter.
Nydaeweths Flammen glühten still, Caderieveths Tropfen erstarrten wie Glas, Sevalidiths Wind legte sich, Galealiths Erde schwieg. Kein Wort fiel. Sie alle kannten dieses Licht. Sie alle hatten einst ihren Schwur in seinem Schatten gegeben.
Lysindra hob ihre Hand. Ein sanfter, leuchtender Faden löste sich aus der Luft,
spannte sich über die vereinten Runen, und verwob Cuil und Meth zu einem dritten Symbol:
einem Kreis aus Licht und Dunkel, dessen Mitte atmete wie eine Seele.
„Schließe den Kreis, Weberin – Lass Seele zu Faden werden.“
Schließlich schloss die Idhren die Augen. Ein Licht stieg aus ihrem Innern, sanft, fließend,
nicht golden oder silbern, sondern klar wie ihr Atem. Sie führte es mit ihrem Willen und zog einen letzten, stillen Faden über das Gewebe.
Als der Kreis sich schloss, durchzuckte eine Welle der Harmonie den Schrein.
Naur tanzte, ohne zu verbrennen. Nen glänzte, ohne zu löschen. Gwilith sang, Cae grollte sanft. Alles war eins für diesen einen Moment.
„Du hast das Gewebe erkannt, Silithil Nauralass. Du solltest Dich fortan Nauril’aneth nennen – Weberin der Ströme, Hüterin des Gleichgewichts – Nicht einfach nur Idhren, dies wäre zu simpel. Sei die Harmonie die zwischen Cuil und Meth atmet. Wahre deren Gleichgewicht“
Ein Kristallfragment erschien in ihrer Hand, halb weiß-silbern, halb silber-schwarz, pulsierend im Rhythmus der Welt. Die Golodh nahm es und die Ströme von Cuil und Meth flossen durch sie hindurch – verbunden durch den Faden der Magie.
„Ihr habt gut gewacht. Euer Schweigen hat den Weg bereitet.“
Lysindra blickte schließlich bei diesen Worten zu den vier Faer-Muinthil.
„Nicht jede Flamme ist zum Brennen geboren.“
Nydaeweth nickte daraufhin, wobei in ihrer Glut Wehmut lag.
„Doch jede findet irgendwann ihr Spiegelbild im Wasser.“
Flüsterte Caderieveth daraufhin im wohl bedachten Abstand.
„Und trägt es davon, damit es sich erinnern möge.“
Ergänzte Sevalidith mit einem verspielten Lächeln.
„So schließt sich der Kreis. Die Fünfte ist wieder erwacht.“
Galealith sprach schließlich in einem wohligen Grollen.
Lange herrschte Stille. Die nun fünf Faer-Muinthil zogen sich zurück und ließen die Golodh in der Kammer zurück. Die Luft vibrierte noch von dem, was geschehen war. Das gold-silberne Leuchten der Runen verklang langsam, wie das letzte Herzklopfen eines sterbenden Sterns. Nur der Atem des Baumes des Lebens war zu hören – ruhig, tief und von unermesslichen Alter. Naur, Nen, Gwilith und Cae atmeten im Einklang. Die Golodh stand in der Mitte der vereinten Runen, die Hand auf ihrem Herzen, leicht zitternd, als sie das Erlebte weiterverarbeitete. Über dem Galadh-Cuil flackerten für einen Herzschlag lang, neben einem roten, blauen, weißen und goldenem ein fünftes Licht – Weiß, silbern aber zugleich auch schwarz violett. Dann erlosch es sodass nur noch Stille zurückblieb. Von diesem Tag an sollte sich die Golodh Nauril’aneth nennen und wo sie wandelte, sollten sich Funken auf Wasser niederlassen und aus Asche wuchsen Blumen erwachsen.
Epiloge:
„Von Lysindra Ethael, der fünften Schwester, sprechen nur jene, die das Schweigen der Elemente verstehen. Denn die Schwestern selbst wahren Stille über sie, nicht aus Furcht, sondern aus Achtung vor dem, was Worte nicht fassen können.“
Elementarschwestern:
Nydaeweth – Eigenname der Schwester des Feuers
Caderieveth – Eigenname der Schwester des Wassers
Sevalidith – Eigenname der Schwester der Luft
Galealith – Eigenname der Schwester der Erde
Sindarin – Deutsch
Eldalië – „Das Volk der Elben (allg.)“
Golodh/Gelydh – Hochelb(e)/Hochelben
Idhren/Idhrin – Weise (allg.) [Bezogen auf eine Person bezeichnet dies einen Weisen niederen Ranges]
Feanturi – Elementarherren (Herren der Geister)
Nuro i Feanturi – Diener der Elementarherren (Herren der Geister)
Faer-Muinthel/Faer-Muinthil – Elementarschwester
Amar-faer – Elementargeist/Elementargeister
Aerlinn – „Das heilige Lied“ / „Herzschlag der Welt“
Naur – Geuer
Nen – Wasser
Gwilith – Luft
Cae – Erde
Lûth – Magie