Der Wind wehte kalt über den schwarzen Felsen, als Ithulien Lirindiel den letzten Anstieg hinaufstieg. Der Mantel aus schlichtem Grau klebte schwer an seinen Schultern, und unter dem Stoff glimmten drei Ringe matt im schwachen Licht. Vor ihm ragte das Tor von Hythlos empor, uralt, von Rissen durchzogen, aus denen fahles, bläuliches Licht sickerte.
Seit Wochen hatte ihn eine unsichtbare Logik hierhergeführt - kein Ruf der Götter, sondern eine Gleichung, die sich in seinem Innern vollenden wollte. Er wusste nur, dass in der Tiefe dieses Ortes etwas erwachte, das Maß und Unmaß in neuer Weise verbinden konnte. Etwas, das die Welt nicht zerstören, sondern neu ordnen würde - wenn man verstand, es zu lenken.
Er legte die Hand auf das Gestein. Es war warm, vibrierend, wie ein Herz unter Stein. Nicht lebendig, dachte er, sondern gespannt - wie eine Saite, kurz vor dem Ton.
Hinter ihm hallten Schritte, leise, aber absichtsvoll. Aus dem Schatten trat Valzzur, ein Drow mit Augen so still wie gefrorenes Wasser. Sein Blick maß, nicht musterte.
"Ich hätte nicht gedacht, dass einer aus Marlanthir den Ruf hören kann," sagte er. Die Hand lag am Griff seines Dolches, und das Metall flüsterte, als lausche es selbst. "Dieser Ort gehört nicht dir, Ordner."
Ithulien drehte sich nicht sofort um. "Ich habe gelernt," erwiderte er ruhig, "dass Besitz eine Frage der Dauer ist. Wer bleibt, dem gehört, was standhielt."
Valzzur lachte tonlos. "Ihr Elfen mit euren Gleichnissen. Ich bleibe, wo Macht ist."
"Dann," sagte Ithulien und trat einen Schritt zur Seite, "sind wir beide am richtigen Ort."
Noch ehe sich die Spannung löste, schob sich Licht zwischen sie. Ein silberner Funke, und aus ihm trat ein Mann mit grauem Gewand, schlicht, fast demütig, und doch atmete die Luft um ihn wie gespanntes Glas. Gladios, der Erzmagier, sah sie an - nicht streng, aber mit der ruhigen Sicherheit desjenigen, der weiß, dass alles nach seiner Zeit geschieht.
"Genug," sprach er. "Hythlos lässt sich nicht mit Stahl oder Spruch öffnen. Es braucht vier Essenzen. Und ihr zwei... seid Teil davon."
Valzzur zog die Brauen zusammen. "Und du bist der vierte?"
Gladios lächelte nur. "Nein. Der vierte kommt noch."
Die Luft verdichtete sich. Ein dumpfer Ton, wie das ferne Atmen eines Berges. Dann trat aus dem Nebel eine Gestalt in schwerer Rüstung, deren Metall Symbol trug: eine Sonne, deren Strahlen nach innen krümmten. Merdun, der Priester des Verderbens, blieb stehen.
"Ihr habt mich gerufen," sagte er leise. "Vier Wege, ein Tor. Hythlos wartet."
Ithulien musterte ihn. Kein Widerwille, keine Furcht - nur Interesse. "Dann sind wir vollständig," murmelte er. "Ordnung braucht vier Säulen."
"Und wenn die Säulen brechen?" fragte Gladios.
"Dann," erwiderte Ithulien, "beginnt die nächste Struktur."
In diesem Moment erzitterte der Fels. Die Risse am Tor leuchteten auf - silber, purpur, tiefschwarz und klares Blau. Jeder von ihnen fühlte das Ziehen eines Zeichens, ein inneres Summen, das wie ein Atem durch sie ging.
Sie legten die Hände auf die Zeichen. Kein Zögern, kein Wort.
Ein gleißender Blitz schnitt den Himmel, und das Tor öffnete sich mit einem Laut, der wie ein Herzschlag klang - geordnet, wiederkehrend, unvermeidlich.
Ein kalter Luftzug strömte hinaus, und das Flüstern, das ihn begleitete, war kein Wahnsinn. Es war Struktur. Alte, reine, furchtbare Ordnung.
Ithulien schloss die Augen und sprach, kaum hörbar:
"Der Einsatz ist gesetzt."
Dann traten sie ein.
2-mal bearbeitet. Zuletzt am 03.11.25 18:32.