Das Schreiben liegt auf einem Pergament von außergewöhnlicher Güte – fest, glatt und in einem warmen, elfenbeinfarbenen Ton, wie man ihn nur aus den Werkstätten der besten Papiermacher kennt. Die Kanten sind mit feiner Hand zugeschnitten und makellos eben, was von der Sorgfalt des Absenders zeugt.
Es ist fest verschlossen mit einem tiefblauen Wachssiegel, in das das persönliche Zeichen des Erzmagiers Gladios Partecko geprägt ist – eine filigrane, doch unmissverständliche Markierung seines Ranges und seiner Reputation. Das Wachs ist von höchster Reinheit, leicht glänzend und ohne Bruchstellen, sodass bereits das bloße Betrachten vermittelt, dass dieses Schreiben nicht durch fremde Hände gegangen ist.
Beim Öffnen steigt ein dezenter, edler Duft auf – eine Mischung aus feinem Pergament, leichtem Bienenwachs und einer kaum wahrnehmbaren Note von Kräutern, wie sie in den Schreibstuben alter Gelehrtenstädte verwendet werden. Nichts aufdringliches, sondern ein Hauch, der dem Empfänger unbewusst die Wertigkeit und Ernsthaftigkeit des Inhalts vermittelt.Dem Siegel zum Gruße, hochgeschätzter Dekan,
in Wahrung des Respekts vor Eurem hohen Amt möchte ich Euch meine Sicht auf das jüngste Gespräch mit dem Konzilsvorstand Vlos’Drathir und Collega Raphaela El-Sovirax darlegen.
Ich bin der Einladung des Konzilsvorstandes gefolgt, um etwaige Missverständnisse über mein Verhalten im Unterricht zu klären. Gleich zu Beginn stellte er mir die direkte Frage, ob ich ihn respektiere. Meine Antwort erfolgte unverzüglich und ohne Zögern: Ja – sowie man einen Konzilsvorstand respektieren sollte, und zwar gilt mein Respekt ausnahmslos jedem Mitglied des Konzils. Ich bin sogar stolz dass ein damaliger Schüler von mir diesen Titel nun trägt.
Im weiteren Verlauf des Gesprächs kam ich der Sache auf den Kern und erklärte, dass ich – sollte mein Verhalten als unangebracht empfunden worden sein – bereit bin, um Entschuldigung zu bitten. An dieser Stelle ergriff der Konzilsvorstand jedoch das Wort und sprach "ihr könnt euch nicht entschuldigen, nur um Entschuldigung bitten. Anschließend sprach Er in einem Ton und nach einer auffordernden Geste, der mehr Befehl als Bitte war:
„erhebt euch, kniet vor der Rätin, senkt euren Blick demütig“
Dies war keine Einladung zu einer Geste des Respekts, wie sie in unserem Lehrwesen üblich ist, sondern eine Anweisung, wie sie ein Herr einem Diener oder gar ein Sklavenhalter erteilen würde. Eine solche Forderung steht in keinerlei Verbindung zur Lehre der Magie, noch ist sie in der Tradition Moonglows verankert.
Es ist bekannt, dass im Volk der Drow solche Gesten der Unterwerfung ein Ausdruck religiöser Verehrung sind – gegenüber einer Göttin. Doch unser Gespräch war kein Gottesdienst, sondern eine Unterredung zwischen Magiern. Magische Hierarchie und religiöse Unterwürfigkeit sind strikt zu trennen. Als Erzmagier, der dem Siegel verpflichtet ist, sehe ich es als meine Pflicht, die Würde unseres Amtes zu wahren – und dazu gehört, dass Respekt auf Augenhöhe erwiesen wird, nicht durch sklavische Gesten.
Ich habe meine Bereitschaft zur Entschuldigung in klaren Worten ausgesprochen und mein Bedauern über mögliche Missverständnisse zum Ausdruck gebracht. Gleichzeitig habe ich meine Integrität gewahrt, indem ich mich einer für unser Amt unpassenden Anweisung nicht unterworfen habe.
Zu den übrigen Vorwürfen möchte ich betonen: Eine gezielte Beleidigung des Volkes der Ilythiiri lag nie in meiner Absicht. Ich habe lediglich einen kürzlichen Überfall durch Angehörige dieser Rasse erwähnt, um den Kontext meiner möglicherweise schärferen Wortwahl zu erklären. Eine pauschale Herabwürdigung war weder beabsichtigt noch geäußert.
Mein Ziel war und ist es, das Siegel zu wahren, die Lehre der Magie zu fördern und die Ehre Moonglows zu stärken. Dies schließt auch den Schutz unserer Traditionen und Werte vor unpassenden Forderungen ein, die nicht dem Geist unseres Konzils entsprechen.
Möge das Siegel bestehen
Erzmagier Gladios Partecko